Warum wir während des Hausumbaus Urlaub machen

Es ist 21 Uhr. Ich sitze im Wohnzimmer, allein, und grüble über das Leben. Die Kinder schlafen schon seit 19 Uhr. Das Kinderturnen hat sie geschafft. Sie hatten einen guten Tag, denn unter anderem hat Papa Homeoffice gemacht. Dass heißt er konnte das Frühstück und die Mittagspause mit ihnen verbringen. Das ‚Gute Nacht‘ kam zwischen Tür und Angel schon um 17 Uhr - die Abendroutine läuft grad oft ohne Papa. Denn Papa ist häufig auf der Baustelle: auf unserer Baustelle.

 

Wir haben vor ein paar Monaten ein sanierungsbedürftiges Haus gekauft, das für uns viel zu klein ist, also bauen wir es um und nochmal die gleiche Quadratmeterzahl an. Ja, das ist eventuell eine Geschichte für sich. Wie man sich vorstellen kann ist da viel zu tun - zumindest mehr, als wir uns so richtig vorstellen konnten, fürchte ich. Wer schonmal selber kernsaniert oder gebaut hat, weiß: so ziemlich alles läuft anders als geplant und dauert mindestens doppelt so lang. So auch bei uns. Und davon sind unsere Monate seit unserem Umzug in die neue Heimat geprägt.



Nun, bis auf die acht Kurztrips und Urlaube, die wir seitdem gemacht haben bzw. die in den folgenden Wochen bis Baby 3 kommt noch anstehen. Ja, wir haben ein Haus gekauft und mal ehrlich, „günstig“ war sowas noch nie, aber in der aktuellen Zeit und trotz sehr viel Eigenleistung ist das besonders unerschwinglich geworden. Dabei prahle ich nicht mit finanziellem Luxus, denn in diesem Fall wäre das ungeheure Maß an Eigenleistung wohl kaum nötig. Julian macht einen Großteil der Arbeiten allein, mein Vater steht ihm mit Rat und Tat zur Seite und den Rest machen mein Bruder sowie hier und da ein paar Freunde. In so manchen Wochen leben wir in Parallelwelten: die Kinder und ich in einem vergleichbar „langsamen“ und „unproduktiven“ Rhythmus und Julian in einem Rush aus Vollzeit-Job und Freizeit-Umbau. In den Momenten dazwischen müssen Entscheidungen besprochen und getroffen werden, mit Handwerkern telefoniert und das eigene Fachwissen mittels Google erweitert werden. Und genau deshalb nehmen wir uns ganz bewusst Auszeiten.



Nur wenige können verstehen, wie man während eines solchen Projekts Urlaub nehmen kann um tatsächlich Urlaub zu machen. Das ist ja schon fast unverschämt. Ich kann diese Gedanken natürlich verstehen, doch gleichzeitig sehe ich es auch so: diese Monate bzw. diese Jahre sind Teil unseres Lebens, ein Teil unserer kostbaren Zeit hier auf der Welt. Wir sind nicht faul, doch wir sind auch keine Workaholics. Für uns ist das ein Kompromiss aus „Wir leben im Hier und Jetzt“ und „Wir wollen irgendwann auch mal fertig werden“. Vielleicht dauert es länger und vielleicht müssen wir an anderen Stellen sparen oder ein Jahr länger finanzieren, doch das ist es uns wert. Diese Zeit ist auch ein großer Teil der Kindheit unserer Kinder. Die Kleinkindzeit sind etwa 3-4 Jahre. Von diesen 3-4 Jahren ein oder zwei Jahre zu „opfern“, damit die Immobilie möglichst schnell möglichst groß und schick wird entspricht einfach nicht unserer Mentalität. Wir brauchen Pausen, wir müssen zwischendurch tanken und wir wollen auch einfach da sein, Stress abbauen und das Leben erleben. Es tut so unfassbar gut für ein paar Tage über Belangloses zu sprechen, anstatt die verschiedenen Arten Mischverhältnisse von Beton zu verstehen, abends Gesellschaftsspiele zu spielen, anstatt Steckdosen zu planen und Zeit mit Freunden zu verbringen, anstatt mit Schutt und schweren Entscheidungen. Denn in einem Jahr kann wahnsinnig viel passieren. Vor allem in dem Jahr eines Kleinkindes, doch auch in einem Ehejahr oder in einem Freundschaftsjahr. Wir wollen an dieser Zeit und Phase wachsen, doch wir wollen es gemeinsam tun und nicht aneinander vorbei in zwei verschiedene Richtungen gehen. Dafür müssen wir auch mal innehalten, zurückblicken und resümieren. In all dem Umzugs- und Kartonchaos, dem Heimatwechsel, dem WG Leben und dem wuseligen Alltag mit zwei Kleinkindern und bald noch einem Baby wollen wir unbedingt wir bleiben. Wir mit unseren Lebensvorstellungen, unseren Werten und Ideen. Wir als Familie und wir als Paar. Also machen wir Ausflüge, Kurztrips und Urlaub. Wir fliegen nicht nach Mauritius. Klar. Aber eine Woche in einem Tinyhouse in Holland - das ist drin. Wir sehen mal was anderes, führen gute Gespräche, genießen unsere Kids und atmen tief durch. Und dann starten wir gestärkt in die nächste Bauphase.

Mittlerweile ist es 22.30 Uhr. Julian ist eben nach Hause gekommen, hat geduscht und macht sich grad das Essen warm. Unser Abend kann beginnen - oder vielmehr ausklingen. Und das ist O.K., weil ich weiß, ich muss nicht ein Jahr oder länger warten, bis leichtere Zeiten kommen.